Vorzugsmilch – eine Milch mit Mehrwert

Das seit den 1930er Jahren in Deutschland geltende „Vorzugsmilchgesetz“
kennt zwei Möglichkeiten, „Rohmilch“ als Trinkmilch an Verbraucher weiterzugeben:

Rohmilch ab Hof

Einmal als sogenannte „Milch ab Hof“, die auf dem Hof aus dem Milchtank vom Kunden selber abgezapft wird. Hier muss ein Schild mit der Aufschrift „Vor dem Verzehr abkochen“ angebracht sein – damit wird die Lebensmittelsicherheit an den Kunden übertragen.

Vorzugsmilch – die kontrollierte Rohmilch

Und zum anderen als „Vorzugsmilch“ oder „kontrollierte Rohmilch“, die ursprünglich als Gesundheitsmilch vor allem für Kinder (Kindmilch, Heilmilch) gedacht war. Diese Milch beinhaltet so viele bio-aktive Inhaltsstoffe, dass sie als ein hochwertiges Nahrungs- und Heilmittel angesehen wird. Besonders wertvoll ist Rohmilch aus extensiver Weidehaltung, bei der die Tiere praktisch das ganze Jahr über draußen sind und sich vor allem von frischem Gras ernähren.

Bei der kontrollierten Rohmilch liegt die Verantwortung für die Lebensmittelsicherheit beim erzeugenden Landwirt und es gelten besonders strenge Hygiene-Richtlinien. Ein Landwirt, der Milch für den Direktkonsum als Vorzugsmilch produziert, liefert deshalb ein anderes Produkt, als ein Landwirt, der seine produzierte Milch an Molkereien zur Pasteurisierung weitergibt.

Die Gründe liegen auf der Hand: Auf den Höfen, die Vorzugsmilch produzieren, gibt es ein ganz besonders hohes Hygiene-Bewusstsein – und viel Aufmerksamkeit und Wertschätzung für die erzeugte Milch, die mit großer Sorgfalt behandelt wird. Denn die Landwirte müssen nicht nur bei der Herstellung von Vorzugsmilch strenge Regeln beachten und strikte Grenzwerte mit ihrer Milch einhalten, sondern auch bei der Vermarktung starke Einschränkungen in Kauf nehmen – das Verbrauchsdatum beträgt nämlich nur vier Tage ab Hof. Rechnet man den Transport dazu, kann die Milch deshalb häufig nur noch drei Tage im Laden angeboten werden. Der positive Nebeneffekt für den Verbraucher: Vorzugsmilch ist wirklich „frische“ Milch!

Vorzugsmilch – die Milch mit dem Gesundheitsmehrwert

Trotz der äußerst strengen Kontrollen und Hygiene-Vorschriften wird immer wieder vor dem Konsum von „Vorzugsmilch“ gewarnt. Die Gründe sind die angeblichen „mikrobiellen Gefahren“, also Keime wie E.coli-O157 (EHEC, VTEC), Salmonellen, Campylobacter und Listerien, die schwerwiegende Erkrankungen auslösen können.

Diese „mikrobiellen Gefahren“ gibt es allerdings vor allem bei anderen Lebensmitteln wie Rindfleisch-Burgern oder Hühnchenfleisch. Hier sind ernsthafte Erkrankungen durch den Verzehr bekannt – ganz im Unterschied zur Vorzugsmilch: Bislang sind keinerlei schwerwiegende Krankheitsfälle registriert worden!

Zu einer ausgewogenen Beurteilung sollte man neben den Gesundheitsrisiken unbedingt auch die positiven Wirkungen roh konsumierter Lebensmittel wie der Vorzugsmilch berücksichtigen. So sind zum Beispiel die Wissenschaftlerinnen Eva von Mutius und Charlotte Braun-Fahrländer 2010 (1) zu der Erkenntnis gekommen, dass Rohmilch bei Kindern als ein eigenständiger Schutzfaktor gegen Asthma und Allergien gewertet werden kann. Sie haben die Ergebnisse von verschiedenen Bauernhofkinder-Studien zusammengefasst und festgestellt, dass sowohl die schon relativ gut geschützten Bauernhofkinder als auch ihre nicht auf Bauernhöfen lebenden Schulkameraden durch regelmäßigen Rohmilch-Konsum profitieren konnten.

Die Studien zeigten auch, dass Rohmilch ihre Schutzwirkung gegen Asthma und Allergien verliert, wenn sie erhitzt wird. Bauernhofkinder, die ausschließlich die eigene Hof-Rohmilch bekamen, zeigten eine niedrigere Anfälligkeit (25% bis 50% Reduzierung) für Asthma und Allergien im Vergleich zu Bauernhofkinder, die nur erhitzte Hof-Milch tranken. Durch die Erhitzung geht der Schutz geht aus vielerlei Gründen verloren: die hitzeempfindlichen Proteine (unter anderem die Molkeproteine) verändern sich, viele Enzyme werden inaktiviert, neue Allergene (Epitopen) gebildet, die positiv zu bewertende Keimflora der Milch wird stark reduziert oder ganz eliminiert – und die erhitzte Milch ist mit einem Rohprodukt nicht mehr vergleichbar!

Unser Fazit: Vorzugsmilch als bestens kontrollierte Rohmilch ist ein wertvolles Nahrungsmittel mit vielen gesunden bioaktiven Inhaltsstoffen. Sie punktet außerdem mit Frische und gutem Geschmack und weil für die Erzeugung dieser Milch strenge Hygiene-Regeln gelten und das Produkt von den Lebensmittelbehörden sehr intensiv überwacht wird, ist die Lebensmittelsicherheit besonders hoch.

Quelle: (1) Braun-Fahrländer C., Von Mutius E. (2010). Can farm milk consumption prevent allergic diseases? Clinical & Experimental Allergy (41): 29–35.

Weitere Informationen

In drei aufeinanderfolgenden Studien (GABRIEL, PARSIFAL, PASTURE ) haben Forscher die Ursachen für allergisches Bronchialasthma, Neurodermitis, Heuschnupfen oder Nahrungsmittelallergien erforscht. Dabei haben sie zahlreiche Hinweise gefunden, dass das Bauernhofumfeld und der Konsum von Rohmilch Kinder vor diesen Erkrankungen schützen kann.

Warum Rohmilch schützt
Artikel in Journal of Allergy and Clinical Immunology 2016

Die gute Seite des Risikos
Artikel in American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine 2015

Rohmilch macht den Unterschied
Artikel in Journal of Allergy and Clinical Immunology 2015

Schmutz und Schutz
Artikel in Einsichten. Der Forschungsnewsletter 1/2013 der LMU

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